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Die bisherige editorische Erschließung des 'Narrenschiffs' lässt sich vereinfacht wie folgt skizzieren (vgl. Knape / Wilhelmi 2018, S. 84-89 [die Siglen werden im Folgenden zitiert]; Rockenberger 2011):

1. Historisch-kritische Ausgaben: Friedrich Zarncke 1854
Die 1854 erschienene Edition von Friedrich Zarncke (L 276) gilt als erste "historisch-kritische" Ausgabe des 'Narrenschiffs' und bis heute als wissenschaftlicher Standard (Digitalisat). Zarncke legt Brants Erstausgabe zugrunde (GW5041, Basel 11.2.1494; Berliner Exemplar), die er als "völlig authentischen text" bezeichnet, den Brant "mit peinlichster genauigkeit der correctur unterzogen" habe (Zarncke 1854, S. 267):

"Wir dürfen daher diese ausgabe wie ein autographon Brants betrachten, und ihr volles vertrauen schenken, sowohl was den dialect, wie was die orthographie betrifft. an einigen stellen werden vielleicht druckfehler anzunehmen sein, doch ist die zahl dieser gewiss geringe."

Zarnckes Textabdruck (die Kapitelholzschnitte werden nicht wiedergegeben) orientiert sich eng an Brants Text und greift nur punktuell (zumeist "stillschweigend") zur Verbesserung von Errata ein. Die Lesarten der jüngeren 'Narrenschiff'-Ausgaben werden in einem Apparat notiert. Die Zusätze der Basler Zweit- und Drittausgabe (s.u.) sind im Anhang abgedruckt, die Varianz der Holzschnitte wird nicht berücksichtigt. Nach wie vor unersetzt sind Zarnckes Beigaben, insb. die detaillierte Einleitung sowie der Kapitelkommentar, die bis heute eingehendste Erläuterung des 'Narrenschiffs' (in unseren Kapitelübersichten ist Zarnckes Kommentar mit dem jeweiligen 'Narrenschiff'-Kapitel verlinkt).

2. Leseausgaben der Erstausgabe
Schon Adam Walther Strobels Edition von 1839, eine der ersten neuzeitlichen Ausgaben des 'Narrenschiffs', gibt den "Basler Originaldrucks" wieder, also die Erstausgabe GW5041 (L 208 = Strobel 1839, S. V; vgl. das Digitalisat), und gibt Einführungen sowie Verständnishilfen für ein breiteres Publikum bei. Auch nachfolgende Ausgaben wie die von Karl Goedeke 1872 (L 570; Digitalisat) oder Bobertag 1889 (L 573) orientieren sich an Zarnckes Edition und bereiten darüber hinaus den Text der Erstausgabe durch Einleitungen, Übersetzungshilfen, Normalisierungen und neuzeitliche Interpunktion auch für außeruniversitäre Lesekreise auf.

3. Gedruckte und digitale Faksimilia der Erstausgabe
Hans Koegler (L 576) legte 1913 ein Faksimile des 'Narrenschiffs' vor, in dem er - in der Absicht, ein sauberes Druckbild zu erreichen - Seiten aus verschiedenen frühneuzeitlichen Druckexemplaren zu einem gleichsam "virtuellen" Exemplar zusammenstellte (ein Mischexemplar ohne historische Grundlage also). Franz Schultz hingegen publizierte 1913 ein Faksimile der Erstausgabe des 'Narrenschiffs' nach dem Berliner Exemplar (L 575), das er "getreu bis auf eine Umänderung" (dem Austausch der Holzschnitte von Kap. 38 und 55, vgl. S. XV-XVI) reproduzierte. Allerdings retuschierte Schultz auch Nutzerspuren des Exemplars und an zwei Stellen die Textgestalt, wie Dieter Wuttke in seinem Wiederabdruck dieses Faksimiles dokumentiert (L 585 = Wuttke 1994, S. t-v). Unverfälschten Zugriff erlauben nun die digitalen Faksimilia, die von den besitzenden Bibliothek zur wissenschaftlichen Weiterverwendung freigegeben sind und die 'Narragonien digital' in den Druckbeschreibungen aufführt. Für einfache Forschungsfragen reicht die Auflösung der PDF-Dateien meist aus, einzelne Bibliotheken bieten zudem kostenlose Digitalisate in höherer Auflösung ein.

4. Die Studienausgaben von M. Lemmer und J. Knape
Im Jahr 1962 legte Manfred Lemmer seine Studienausgabe des 'Narrenschiffs' (einschließlich der Holzschnitte) vor, die inzwischen in 4. Auflage (2004) erschienen ist. Grundlage ist die Erstausgabe nach dem Dresdener Exemplar, das vermutlich den letzten Druckzustand innerhalb der Produktion der editio princeps repräsentiert (zur Kritik an dieser These vgl. Rockenberger 2011, S. 49f.). Der edierte Text hält sich möglichst eng an die Erstausgabe, einschließlich der Orthographie und Interpunktion, greift aber an 61 Stellen emendierend und konjizierend ein. Weitere dokumentierte Eingriffe - u.a. die Hinzufügung der Überschriften zu Kap. 48 und 103, die "korrigierende" Vertauschung der Holzschnitt zu Kap. 38 und 55 - verzeichnet Rockenberger 2011, S. 51.

Demgegenüber folgt die neueste Studienausgabe, die Joachim Knape im Jahr 2005 vorlegte (L 588), wiederum dem Berliner Exemplar der Erstausgabe. Das umfängliche Vorwort gibt eine bestinformierte Einführung auf der Basis der neueren 'Narrenschiff'-Forschung und darüber hinaus; sehr nützlich sind die Übersetzungshilfen und insbesondere das ausführliche Register, das recht eigentlich ein Kurzkommentar zu Brants Narrensatire darstellt. Die Überlieferungsgeschichte kommt insoweit in den Blick, als sie für die Textausgabe von Relevanz ist; die spezifische Medialität des 'Narrenschiffs', insbesondere das austarierte bimediale Layout der Doppelseite mit Text / Bild / Bordüren, ließ sich in der Print-Ausgabe drucktechnisch nicht vollständig reproduzieren.
Die Skizze der Editionslage führt vor Augen, dass kaum ein anderes Werk aus der Frühen Neuzeit so umfassend und gründlich wie das Basler 'Narrenschiff' ediert worden ist. Insbesondere Zarnckes Edition und die Studienausgaben von Lemmer und Knape sind eine hervorragende Grundlage für die wissenschaftliche Arbeit an diesem Werk. Die vorliegende digitale Ausgabe will die Print-Ausgaben in mehrfacher Hinsicht ergängen:

  • Die editorische Privilegierung der Erstausgabe von Zarncke bis Knape ist zu hinterfragen. Dass die Erstausgabe "flüchtig und nachlässig gedruckt ist", vermerkt schon Goedeke 1872, S. XXXI, und der Überblick über die Druckfehler, den Schultz gibt (S. XI, Anm. 4), sowie Zarnckes eigene Hinweise auf "fehlerhafte" Verse (Zarncke 1854, S. 271) bestätigen dies. Die Änderungen der Zweitausgabe - insb. die Korrekturen von Setzerfehlern, die korrigierende Positionierung der Holzschnitt zu Kap. 38 und 55, die Hinzufügung der Kapitel 110a und 110b sowie die sechs neu geschnittenen Holzschnitte - sind aufschlussreich: Die Textgestalt und der Textbestand, die Sebastian Brant beabsichtigt hatte, wurden erst mit der korrigierten und ergänzten Zweitausgabe erreicht (vgl. auch Henkel 2019). Die dritte Ausgabe (Basel 1499) ist dagegen ein Nachdruck der Zweitausgabe, der bis auf die Korrektur einzelner Setzerfehler lediglich einen Paratext (bzw. "Epitext"), die sog. "Protestation" hinzufügte. Hinzu kommt, dass die Zweitausgabe die Vorlage für Jakob Lochers 'Stultifera navis' war, die ihrerseits für die europäische Rezeption maßgeblich wurde. Aus diesen Gründen legt 'Narragonien digital' der Einzelwerkanzeige die editio altera (GW 5046, Basel 3.3.1495) nach dem Regensburger Exemplar zugrunde.

  • Die hier vorgelegte Ausgabe beinhaltet die (wenigen) Varianten zur editio princeps (GW 5041) und zur editio tertia (GW 5047). Als "Varianz" wird hierbei nicht jede graphematische, orthographische oder dialektale Abweichung angesehen (dies wäre, u.a. da die Drittausgabe völlig neu gesetzt wurde, nicht sinnvoll), sondern nur Texteingriffe inhaltlicher, syntaktischer oder grammatischer Natur. Diese Entscheidung kann jederzeit an den diplomatischen Transkriptionen der ersten drei Ausgaben des 'Narrenschiffs' überprüft werden, die in der Synopse angezeigt werden können. Der Lesetext des 'Narrenschiffs' wurde behutsam normalisiert, vgl. die Richtlinien der Texterstellung.
Die Einzelwerkanzeige ist mit einigen Beigaben ausgestattet, die sich die Möglichkeiten des digitalen Mediums zunutze machen. Jeder Textseite ist das jeweilige digitale Faksimile beigegeben. Der Text ist mit dem kommentierten Register der Orts- und Personennamen verknüpft und lässt sich durchsuchen.

In unserer Kapitelübersicht sind mit den einzelnen Kapiteln die PDF-Druckdateien, die ältere neuhochdeutsche Übersetzung von H. Junghans (1877; s. Zeno.org) sowie der Kapitelkommentar von Zarncke 1854 verknüpft. Eine nhd. Neuübersetzung des 'Narrenschiffs' und ein aktueller Kommentar, der Zarnckes Erläuterungen mit deren Ergänzung bei Vredefeld 1997/2000 sowie mit dem Kommentar von Janssen / Marynissen 2018 verknüpft, sind ein Desiderat. Wir haben auf Übersetzungshilfen verzichtet, sie sind in Knapes gedruckter Studienausgabe oder auch in der Ausgabe von Goedeke 1872 zu finden (digitale Version).
Sebastian Brant: 'Das Narren schyff'. Digitaler Lesetext auf Grundlage der Zweitausgabe (Basel [Johann Bergmann von Olpe], 5.3.1495; GW5046). Bearbeitet von Joachim Hamm. In: Narragonien digital. Digitale Textausgaben von europäischen 'Narrenschiffen' des 15. Jahrhunderts. Hg. von Brigitte Burrichter und Joachim Hamm. Würzburg 2021. URL: http://www.narragonien-digital.de/exist/textkorpus/lesetext_gw5046.html